Kostenlose Leseprobe · Steven Mack
«Er darf mich einfach nicht finden.»
Eine Frau sitzt im Zug nach Zürich. Sie ist ihrem gewalttätigen Partner entkommen. Wohin sie weiterreisen wird, weiss sie noch nicht. Steven Mack hört zu.
Lies hier das Kapitel «Fluchtgeschichte zwischen Stationen» aus seinem Buch «Der Goldfahrer».
Das karrierte Schachticket stieg in Rappi aus und jetzt, genau jetzt passiert es. Am Ende des Wagens:
«Alle Billette vorweisen bitte.»
Was mache ich? Sinne einstellen und empfangen. Da ist ein leises Rascheln. Ein vages Geräusch. Vielleicht die hochgezogene Nase im Abteil neben mir, vielleicht das Knistern einer Gore-Tex-Jacke, die sich unruhig bewegt. Ich drehe mich zur unergründlichen Geräuschquelle, schenke ein einladendes Lächeln und frage mit einem Hauch von Erwartung:
«Lust auf ein kleines Schwätzchen?» Und wieder hatte ich Glück.
Ein Moment der Stille. Dann ein bedächtiges «Ja.» Scheu, distanziert, ein Flüstern des Geistes, wie jemand, der lange nicht mehr angesprochen wurde. Wir tauschen Worte, vorsichtig, wie zwei Fremde, die sich auf dünnem Eis begegnen. Was ja nicht ganz untypisch ist, wenn man bedenkt, dass niemand gern mit einem nassen Hintern endet.
Es dauert zwei, drei Sätze. Ich hechte rüber, wir sitzen im selben Abteil und die thrillerähnliche Begegnung zwischen Worten beginnt. Viel mehr braucht die Kontrolle nicht, um das goldene Kärtchen als gültig anzuerkennen.
«Ich komme aus Holland», verkündet sie in einer Mischung aus Erschöpfung und Bestimmtheit, in makellosem Deutsch.
Das schien mir gänzlich unerwartet, denn ich hatte sie nicht danach gefragt und es passte nicht in den Kontext. Warum verriet sie mir ihre Herkunft auf eine so geheimnisvolle Weise?
«Es ist… seltsam», fügt sie nach einer Stille hinzu, die sichtbar mitarbeitet. Ihre Worte suchend nach Halt. «Unter Menschen zu sein, zu sprechen. Ich weiss gar nicht mehr genau, wie man sich unterhält. Wie man sich mitteilt.»
Die Mauer bröckelt, Stein für Stein. Oder vielleicht war da gar keine Mauer, nur der Eindruck einer, errichtet aus Schweigen und einem Blick, der sich anfühlte wie Zugluft.
Diese Holländerin, sie hatte etwas hinter sich. Ein Seelenschwund, eine Herzverrostung, irgendwas in der Richtung. Keine Ahnung. Aber ihr Verhalten liess mich frösteln. Ihr Ton trug etwas Schemenhaftes, Suchendes in sich, als streifte sie unstet durch Gedanken, wirr wie Socken, die nach der Wäsche noch nicht ihr Paar gefunden haben.
«Wo bin ich hier genau?», fragte sie, als hätte ihr Gedächtnis gerade einen Sprung.
Was geht mit der ab?
«Im Zug», erwidere ich mit freundlicher Unruhe, «Richtung Zürich.» «Ja, ja, ich weiss», murmelt sie. «Wo genau?»
«Weiss selbst nicht so genau. Irgendwo am westlichen Zürichsee-Ufer.» Sie nickt achtsam, als ob sie in diesem Moment mehr zu wissen glaubt als zuvor.
Ich will mehr über ihre Person erfahren, halte mich aber zurück. Es fühlt sich an, als hielte ich einen seltenen Band in den Fingern, ein Werk, das man vorsichtig Seite für Seite aufschlagen muss, um nichts zu zerstören.
«Ich fahre nach Zürich», gibt sie von sich. Ich kann nicht deuten, ob sie das als Frage, Erkenntnis oder Ansage meint. «Ich will weiter. Weg von hier.» «Warum?», frage ich. «Wohin wollen Sie?» «Weiss nicht», flüstert sie, kaum mehr als ein Hauch.
Zwei Worte. Und in ihnen schwingt eine Leere mit, die den gesamten Luftverbalverkehr in andere Wolken taucht.
Sie weiss es nicht? Kenn ich. Passiert mir auch, wenn ich Sandra «wir müssen reden» schreibe und selbst nicht weiss, ob ich Streit oder Frieden suche.
Mit einem Tempo, das mich überrascht, beginnt sie, diese Leere mit ihrer Tragödie zu füllen. Bewusst, achtsam. Jedes Wort scheint sie zu prüfen, bevor sie es loslässt.
«Ein halbes Jahr», sagt sie, «war ich gefangen. In der Wohnung meines Freundes. Vor zwei Tagen bin ich abgehauen. Meine Freundin hat mich rausgeholt.»
Gefangen – was heisst das? Wie absolut war es.
«Sechs Monate lang», wiederholt sie, «hat er mich nicht rausgelassen. Nicht mal zum Einkaufen. Er war immer da. Hat alles kontrolliert. Ich war gefangen wie ein Vogel im Käfig.»
Ihre Verfassung wankt. Ich bin aufmerksam, bereit, sie zu halten. Sie fängt sich wieder.
«Meine Freundin hat irgendwann geschrieben: ‹Pack deine Sachen, ich hol dich.› Und dann stand sie da. Mit ihrem Wohnmobil.»
Jetzt, hier, unterwegs, scheint sie endlich wieder atmen zu können. «Ich musste einfach raus», sagt sie. «Raus an die frische Luft. Dorthin, wo mich niemand kennt oder vermutet.» Ihre Stimme kippt ins Weinerliche. «Ich musste aus dem Fenster.»
Ich nicke. Kehle trocken.
Besser als durchs Kamin.
Sie spricht weiter: «Jetzt muss ich zurück… meine Freundin wartet. Wir wollen weiterfahren. Ohne Pause. Einfach weiter.»
Hauptsache weg. Weit weg. Allein. Von allem und allen. Von?
Sie wendet sich mir zu, haucht ein flüchtiges Lächeln. Erschöpfung und Tatendrang in einem. «Keine Ahnung, wohin. Irgendwohin. Er darf mich einfach nicht finden.»
Ihre Worte hängen wie Gefühlsfetzen in der klimatisierten Wagenluft. Sie spricht nicht nur zu mir, auch zu sich selbst.
«Das ist… nicht ohne, was Sie da erzählen», sage ich vorsichtig. «Kann ich etwas tun? Soll ich die Polizei rufen?»
«Noch nicht», meint sie und schüttelt den Kopf. «Erst will ich weg. Dann melde ich mich bei der Gemeinde. Die Polizei wird sich schon einschalten.»
Bis heute denke ich an ihre Erzählung zurück. Ihren Namen weiss ich nicht. Ich hadere damit, dass ich es einfach so hingenommen habe.
Was hätte ich tun sollen? Sie in meine Fürsorge einschliessen? Ein Angebot mit Beigeschmack ist nichts als ein Käfig, und genau diesem war sie gerade erst entflohen.
Hättest du dich anders verhalten?
Ihre Worte klangen zu unglaublich, zu unwahrscheinlich. Und doch sass sie da. Ruhig. Echt. Warum sollte sie mich belügen? Vielleicht war die Wahrheit selbst gefährlicher als jede Lüge.
Was bleibt, ist diese Verbindung. Wie ein offenes Fenster in der stickigen Lokomotive. Vielleicht wollte sie etwas abladen. Etwas, das sie sonst niemandem geben konnte.
Ist es nicht das, was wir manchmal heimlich suchen? Jemanden, der dich aufnimmt, ohne zu werten. Dich hält, ohne dich zu zerlegen.
Ich kann bei einem Film weinen. Aber irgendetwas fehlt. Vielleicht ist es die Spannung in der Luft. Oder der zufällige Blick eines Fremden. Oder eine Hand, die man eine Sekunde zu lange hält. Vielleicht sind es genau diese unscheinbaren Alltagsmomente, die uns am härtesten treffen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr packt mich eine milde Ehrfurcht vor dieser irrsinnigen Vielfalt an Abteilen, Wagen und Zügen, auf denen wir durchs Leben poltern.
Freiwillig. Widerwillig. Lachend. Fluchend. Ohne Exit-Option. Immer mittendrin.
Diese Truppen laufen an uns vorbei, stehen mit uns an der Ampel, quetschen sich neben uns in den Zug. Tragen alles in sich, was wir nicht sehen. Wie viele unentdeckte Geschichten stecken in den Fleischpoeten um uns herum? Wir übersehen sie, suchen sie lieber in Serien oder Büchern, die uns unterhalten, aber nie so hart treffen wie das echte Leben.
«Warum sprechen Sie eigentlich mit mir?», frage ich sie leiser. «Warum erzählen Sie mir so etwas?»
Ist es, weil ich sie nicht überwachen kann? Weil sie anonym bleibt?
Oder weil sich dieses Abteil als sicher anfühlt?
Leichte Spannung. Dann lacht sie.
«Nein, es ist, weil Sie zuhören. Die meisten kleben an ihren Klick-Kumpeln. Die registrieren uns gar nicht.»
In diesem Satz steckt mehr Wahrheit als in mancher Fabel. Und ja, ich tue Busse. Manchmal landet ein Laut absichtlich nicht in meinen Abhörschüsseln. Ich habe auch nur zwei davon. Der Unterschied? Ich bin einer, dem Bilder egal sind. Manchmal glaube ich das selbst. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich Dinge höre, die andere nicht mitbekommen.
Der akustische Kanal ist mein Daheim.
In «Der Goldfahrer» erzählt Steven Mack von Menschen, denen er unterwegs begegnet, und von seinem eigenen Leben. Von unerwarteter Nähe, Ängsten und Sehnsüchten. Ungeschönt und mit rauem Humor.
Steven Mack · Der Goldfahrer
204 Seiten · VOIMA Verlag
Hardcover: CHF 39.80
Zuzüglich Versandkosten
eBook (ePub): CHF 24.80
Auf der Buchseite kannst du zwischen Hardcover und eBook wählen.